Weiterbildungsveranstaltungen - Akademie für Kinderchirurgie, eine dynamische Epoche von 50 Jahren Zeitzeugen erinnern sich

„Die Akademie ist die zentrale Weiterbildungsveranstaltung der DGKCH." Udo Rolle, EJPS 2015, Heft 5, Seite 465.

Anlässlich der 50. Akademie, 27./28. November 2015 Frankfurt am Main, gehen die Gedanken in jene Jahre zurück, in denen die Weiterbildungsveranstaltungen ihren Anfang nahmen. Heute blicken wir auf eine für uns selbstverständliche kinderchirurgische Bildungseinrichtung, die in Leipzig mit Weiterbildungslehrgängen (historische Bezeichnung) begann und als Akademie Weiterbildungspartner für den kinderchirurgischen Nachwuchs
ist.

Die Kinderchirurgie entwickelte sich in Europa erst nach dem II. Weltkriege (1939-1945). Noch bis weit in die Nachkriegszeit war für deutsche Chirurgen eine selbständige Kinderchirurgie nicht denkbar. Dieser entwicklungshemmenden, restriktiven Einstellung begegneten Anton Oberniedermayr (1899-1986), Fritz Rehbein (1911-1991), Ilse Krause (1917-1984), Fritz Meißner
(1920-2004), indem sie kinderchirurgische Einrichtungen in Eigeninitiative gründeten, die bereits als Entitäten all das aufwiesen, was wir heute als Kinderchirurgie bezeichnen. Dennoch war es in Jahren der sich herausbildenden Kinderchirurgie, 1950 / 1960, strapaziös, Chirurgen von den Vorzügen einer um ihrer Selbst willen betriebenen Kinderchirurgie zu überzeugen. Das änderte sich allmählich, wenn auch nicht in vollem Umfang.

Historisch beinhaltet die Akademie eine geteilte Epoche
1966 - 1990 Weiterbildungsveranstaltungen der AG, Sektion, GKCH-DDR
1991 - 2015 Weiterbildungsveranstaltungen der Akademie Kinderchirurgie DGKCH

Ära 1966 - 1990 in der DDR
Sie begann am Montag, 06. Juni 1966.

Um 14.00 Uhr begrüßte der 46 Jahre junge Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie des Bereiches Medizin der Karl-Marx-Universität Leipzig, Prof. Dr. Fritz Meißner (1920-2004), im Klub der Intelligenz, Elsterstraße 35, die Teilnehmer des ersten der von ihm ins Leben gerufener Weiterbildungslehrgänge und erläuterte deren Anliegen: „Diese Lehrgänge sollen der Notwendigkeit Rechnung tragen, dass die Besonderheiten des Kindesalters eine spezielle Ausbildung für den Chirurgen erforderlich machen." [1]. Grundsätze, um die sich der Ordinarius für Chirurgie der Universität Rostock, Walter Schmitt (1911-2005), bereits 1958 sorgte: „Wenn man dem Neugeborenen, Säugling und Kleinkind das Recht auf beste chirurgische Behandlung zubilligt, muss man feststellen, dass hier vielerorts bis heute eine therapeutische Lücke klafft. Man kann die Säuglings- und Kleinkinderchirurgie nicht auf irgendwelchen chirurgischen Abteilungen – und seien es Universitätskliniken – ‚so nebenbei' von irgendwelchem Operateur miterledigen lassen. Das bringt dem Operateur Nackenschläge und die kleinen Patienten recht häufig auf den Friedhof!" [2]. Eine Auffassung, die spätere Einsichten vorwegnahm, dass ohne Spezialisierung die Chirurgie ihren hohen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden kann, und die zeithistorische Notwendigkeit erkennen ließ, den für Kinder von Geburt an kompetenten Chirurgen aus- und weiterzubilden, ihn feinfühlendes Operieren zu lehren, ihm kinderchirurgische Gestaltungskompetenz zu vermitteln.

Die ausschließlich kinderchirurgisch Tätigen traten mit wissenschaftlichen Arbeiten, Vorträgen, gewonnenen diagnostischen, pathophysiologischen und operativen Erkenntnissen, hervor. Dabei mussten sie sich gegen Pessimismusszenarien wehren. Ihre Bemühungen hatten schließlich Erfolg: Eine zunehmende Akzeptanz, vor allem gemessen auch an der sinkenden Säuglingssterblichkeit. Darauf aufmerksam geworden, wurden der Facharzt eingeführt, fachärztlich geleitete kinderchirurgische Einrichtungen geschaffen und die Fachgesellschaft gegründet [3]. Die Publikationen und Vorträge dienten auch dazu, Nichtkinderchirurgen die chirurgischen Besonderheiten des Kindesalters vor Augen zu führen, Therapieoptimierungen aufzuzeigen die eine spezielle Ausbildung verlangen, was Meißner auf dem ersten Weiterbildungslehrgang als kinderchirurgische Identität kennzeichnete.

Die Weiterbildungslehrgänge, die einmal im Jahr stattfanden, deren Teilnahme kostenlos war, waren eine Art „kinderchirurgische Universität". Ihre Besuche waren Voraussetzung, um zur Facharztprüfung zugelassen zu werden. Die Vorlesungen gingen über eine Woche und vermittelten annähernd den ganzen Stoff der Kinderchirurgie. Die Lehrveranstaltungen wurden zum bewährten Lern- und Bildungsinstrument mit Brückenfunktion zur Praxis.

Der Facharzt für Kinderchirurgie erhielt am 23.05.1974 Gesetzeskraft und sofort ging die Organisation der Facharztaus- und Weiterbildung auf die „Akademie für ärztliche Fortbildung der DDR" über. Dadurch änderte sich nicht der Elan zur Weiterbildung, lediglich die Prüfungsmodalität. Die „Zentrale Fachkommission für Kinderchirurgie" führte unter Vorsitz von W. Tischer mit den Mitgliedern F. Meißner, Ilse Krause, H. Schickedanz, E. Gottschalk, W. Mothes, K. Gdanietz die Prüfungen durch, zu deren Vorbereitung den Kandidaten ein „Prüfungstraining" bei einem der Unterzeichner und vierhundert ausgedruckte Prüfungsfragen zur Verfügung standen.

Am 17.11.1990 fand auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung in Nürnberg die Vereinigung der beiden Kinderchirurgischen Gesellschaften statt. Die Weiterbildungslehrgänge wurden mit neuer Bildungsperspektive fortgesetzt.

Ära 1991 - 2015 im geeinten Deutschland
Sie begann am Montag, 02.September 1991.

Auf der Vorstandssitzung der DGKCH am 08.06.1991 wurde beschlossen, eine AKADEMIE FÜR KINDERCHIRURGIE (AKIC) neu zu schaffen. Sie wurde ein Vierteljahr später, anlässlich des 29. Jahrestages der DGKCH in Frankfurt am Main im Rahmen der Mitgliederversammlung gegründet. Der Arbeitsstab K. Gdanietz, H.G. Dietz, U. Hofmann, F. Höpner, H.-J. Pompino, F. Schier, G. Tewes, Z. Zachariou erstellte einen XI-Punkte Aufgabenkatalog - Top VIII: Förderung und Gestaltung der Fort- und Weiterbildung innerhalb der Gesellschaft, auch nach Vorgabe der neuen Weiterbildungsordnung [4]. Ab 1992 werden die alljährlich stattfindenden Veranstaltungen von der AKIC durchgeführt. War es in der Ära 1966-1990 so, dass die Leitung in einer Hand lag, wechselt diese seit Bestehen der AKIC:

1966-1987 Prof. Dr. Dr. h. c. Fritz Meißner, Leipzig
1987-1993 Prof. Dr. Kurt Gdanietz, Berlin-Buch
1993-1999 Prof. Dr. Felix Schier, FU - Berlin, Jena, Mainz
1999-2003 Univ.-Prof. Dr. Joachim Bennek, Leipzig
2003-2009 Frau Univ.-Prof. Dr. Karin Rothe, Leipzig
2009-2012 Univ. Prof. Dr. Holger Till, Leipzig, Graz
2012-2014 Frau Univ.-Prof. Dr. Karin Rothe, Charité
2014- Univ. Prof. Dr. Udo Rolle, Frankfurt/M

Als Ausbilder und Referenten erlebten wir die Weiterbildungslehrgänge aktiv. Sie waren einst der selbstauferlegte Bildungsauftrag damaliger Protagonisten die erkannt hatten, dass sich die Kinderchirurgie gegenüber traditionellen chirurgischen Vorstellungen nur durch spezielles chirurgisches Können, verknüpft mit fachspezifischem Wissen, durchsetzen kann. Die Vermittlung von Operationstechnischem obliegt daher weiterhin den Weiterbildungseinrichtungen, denen die AKIC als Bildungsinstitution mit ganzheitlicher Bildungsauffassung zur Seite steht. Die Strukturänderung des Weiterbildungskonzeptes durch die Aufnahme von Workshops, bereichert die didaktische Methode bisheriger frontaler Lehrvorträge.

Die Leitidee Meißners, mit der ihr zugrunde liegenden Anschauung, erfuhr während der zurückliegenden Epoche von 50 Jahren mehrere Qualitätssprünge. Als wir vor fünf Dezennien in die Planung, Organisation und Steuerung der Weiterbildungslehrgänge - heute würde man Innovationsmanagement sagen - einbezogen waren, konnten wir die dynamische Entwicklung zur international vernetzten Bildungsstätte mit dem Status einer Akademie, nicht ahnen.

Kurt Gdanietz (Berlin-Buch)
Herbert Schickedanz (Jena)
Wolfram Tischer (Leipzig)

 

Foto folgt!

Das nach der Wende 1989 renovierte Gebäude in der Elsterstraße 35, in dem die Weiterbildungslehrgänge bis 1986 stattfanden. Quelle: [1]

Literatur
[1] In: J. Bennek, Kinderchirurgie in Leipzig – Bilder, Dokumente und Erinnerungen zur alten und neueren Geschichte, Löhnert Druck, Markranstädt bei Leipzig, S. 17

[2] W. Schmitt: Kinderchirurgisches Symposion am 26./27.9.1998 in Rostock. VEB Verlag Volk und Gesundheit Berlin 1959, S. 1

[3] K. Gdanietz, Die Entwicklung der Kinderchirurgie in der DDR – 1949 bis 1990. Pädiatr. Grenzgeb. 1997, Vol 36. pp. 95-106

[4] In Mitteilungen Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie 1. Jahrgang, April 1992, Heft 1, Seiten16-19