Nachruf Dr. Michael Retzlaw

Im November 1998, als ich meine Stelle in der damaligen Kinderchirurgischen Abteilung der Kinderklinik an der Lachnerstrasse in München antrat, traf ich zum ersten Mal Herrn Dr. Michael Retzlaw. Er war dort als Oberarzt tätig und es war mir bekannt, dass er über eine außergewöhnliche Erfahrung auf dem gesamten Gebiet der Kinderchirurgie verfügte.

Mir war aber damals nicht bekannt, unter welch schwierigsten Bedingungen er sich diese umfangreichen Kenntnisse angeeignet hatte und wie beschwerlich sein beruflicher Werdegang sich gestaltet hatte, den er unbeirrt mit großem Fleiß und starker Willenskraft bewältigte.

Geboren ist Michael Retzlaw am 15. November 1949 in Sibirien, in einem Lager, wohin seine Eltern nach dem Krieg vom Sowietregime deportiert worden waren. Bei Irkutsk verbrachte er seine Kindheit und Schulzeit. Aufgrund hervorragender schulischer Leistungen hatte er die außergewöhnliche Chance bekommen, als Deutscher an der medizinischen Fakultät der Universität Alma Ata studieren zu dürfen. Das Medizinstudium absolvierte er mit Auszeichnung und obwohl er als Deutschstämmiger ständig unter Repressionen leiden musste, erhielt Michael Retzlaw unmittelbar nach dem Examen eine Stelle als chirurgischer Assistent an der Kinderklinik der Universität. An dieser riesigen Kinderklinik mit 495 Betten erlernte er die gesamte Kinderchirurgie von der operativen Behandlung des Klumpfußes bis hin zur neurochirurgischen Versorgung von Kindern mit Hydrozephalus.

Im September 1977, - zum Ende seiner Ausbildung – ergab sich für seine Familie die Möglichkeit, nach Deutschland ausreisen zu dürfen, in die ehemalige DDR. In Chemnitz, ehemals Karl – Marx Stadt, fand er eine Stelle als kinderchirurgischer Assistent unter Prof. Popp. 1979 erlangte er dort die Facharztreife, 1981 promovierte er. 1989 erhielt die Familie nach jahrelangen Bemühungen die Ausreiseerlaubnis nach Westdeutschland; die erste berufliche Station war Pforzheim. Dort arbeitet er in der kinderchirurgischen Abteilung bei Prof. Piper, bis er 1993 nach München in die Kinderchirurgische Klinik München Schwabing wechselte.

Der damalige Chef, Prof. Frank Höpner, erkannte bald die Kompetenz und die Fähigkeiten seines neuen Assistenten, eine Oberarztstelle war allerdings in Schwabing nicht vakant. So wechselte Michael Retzlaw im Frühjahr 1995 in die Kinderchirurgische Abteilung der Kinderklinik an der Lachnerstrasse, wo Ihm von dem damaligen Leiter, Herrn Dr. Ludwig Schuster, eine Position als Oberarzt angeboten wurde. Dort traf ich Ihn also an meinem ersten Arbeitstag am 1. November 1998. Seine Kompetenz war mir bekannt, auch war mir bekannt, dass er sich – genauso wie ich - um die Chefarztstelle in der Lachnerklinik beworben hatte. Noch am selben Tag bereinigten wir diese schwierige Situation. Bei einem gemeinsamen Kaffee und einem einerseits sehr klaren andererseits aber auch überaus herzlichen Gespräch versicherte mir Michael Retzlaw seine uneingeschränkte Unterstützung und Loyalität.

Diese Worte haben bis zu seinem krankheitsbedingten Ausscheiden im Dezember 2013 ihre Gültigkeit behalten. Diese unbedingte Loyalität und Aufrichtigkeit war ein beeindruckender Charakterzug seiner Persönlichkeit - neben seiner medizinischen Kompetenz und seinem großen chirurgischen Geschick. Dr. Michael Retzlaw verstarb am 11. März 2016. Sein großes Herz werden wir nie vergessen.

Stefan Kellnar